Wieso Roboter allein NICHT die globale demografische Krise lösen werden

Südkorea hat 1.220 Industrieroboter pro 10.000 Beschäftigte, nach den Zahlen der International Federation of Robotics die höchste Dichte der Welt und fast das Dreifache von Deutschland. Im selben Land lag die Geburtenrate 2023 bei 0,72 Kindern pro Frau, die niedrigste der Welt.

Die eine Zahl erklärt nicht die andere. Auffällig ist trotzdem, dass ausgerechnet das automatisierteste Land der Welt am härtesten mit seiner Demografie kämpft.

Die Branche verkauft Robotik gern als Antwort auf den demografischen Wandel. Die IFR hat das im August in einem Positionspapier noch einmal explizit erwähnt. Robotik helfe, die Folgen des demografischen Wandels in alternden Volkswirtschaften abzufedern. Ich halte das nur für die halbe Wahrheit. Automatisierung allein löst die demografische Krise nicht, und der Grund dafür hat nichts mit Technologie zu tun.

Leerer Sandkasten in einem deutschen Stadtpark
Nachwuchs lässt sich nicht fertigen.

Der Sozialstaat hängt an der Lohnsumme, nicht an der Wertschöpfung

Ein Mensch, der arbeitet, erzeugt Wertschöpfung, und ein Teil davon wird automatisch verteilt. Über die Einkommensteuer, die mit dem Verdienst steigt, und über Sozialabgaben, aus denen Rente, Pflege und Gesundheit bezahlt werden. In Deutschland liegen diese Abgaben auf Arbeit laut OECD bei knapp 48 Prozent. Der Sozialstaat hängt daran.

Ein Beispiel macht das greifbar. Ein Industriearbeitsplatz, der den Arbeitgeber 60.000 Euro im Jahr kostet, führt knapp 29.000 Euro an Steuern und Sozialkassen ab. Fällt derselbe Betrag stattdessen als Gewinn an, greift die Unternehmensbesteuerung. Ein Gewinn lässt sich über Konzerngrenzen dorthin verschieben, wo weniger fällig wird, eine Lohnsumme in Stuttgart nicht. Die Sozialkassen sehen davon ohnehin nichts, denn Gewinne sind nicht beitragspflichtig.

Ersetzt ein Roboter diesen Menschen, bleibt die Wertschöpfung erhalten. Das ist erstmal ein Gewinn und positiv. Allerdings passieren zwei Dinge gleichzeitig. Die Basis, aus der der Sozialstaat finanziert wird, schrumpft. Und der Mechanismus, über den bisher umverteilt wurde, fällt ganz weg.

Die Ökonomen Acemoglu, Manera und Restrepo haben 2020 gezeigt, dass das US-Steuersystem Arbeit stärker belastet als Kapital und dadurch mehr Automatisierung fördert, als volkswirtschaftlich sinnvoll wäre. Der Roboter ist nicht nur billiger als der Mensch, das Steuersystem macht ihn zusätzlich billiger.

Die Lücke entsteht bei denen, die verzögert anfangen

Und der Roboter ist nur der sichtbare Teil. Die Automatisierung, die gerade am schnellsten wächst, hat keine Aktuatoren. Sie läuft auf Servern. Sprachmodelle und Software-Agenten greifen in Sachbearbeitung, Buchhaltung, Recht, Übersetzung und Kundendienst ein. Eine Stanford-Auswertung von Lohnabrechnungsdaten für Millionen US-Beschäftigte bis Juni 2026 findet in der Gesamtbeschäftigung allerdings keine Verdrängung. Der Bruch zeigt sich beim Alter. Bei den 22- bis 25-Jährigen ist die Beschäftigung in wenig KI-exponierten Berufen gewachsen, in stark exponierten dagegen gesunken. Zwischen beiden Gruppen liegen inzwischen 19 Prozent. Bei erfahrenen Beschäftigten gibt es diese Lücke nicht.

Wer drin ist, zahlt also weiter ein, wer nicht hineinkommt, fängt gar nicht erst an. Die Lohnbasis verliert damit nicht ihre heutigen Beitragszahler, sondern die nächsten. In Deutschland steht das noch bevor. In der Randstad-ifo-HR-Befragung planen 40 Prozent der Unternehmen, dass KI die typischen Einsteigeraufgaben in den nächsten drei Jahren übernimmt.

Einstieg wegautomatisiert
Einstieg wegautomatisiert.

Bill Gates fordert eine Steuer auf KI-Tokens und Roboter

Am 26. August hat Bill Gates in einem Essay eine Steuer auf KI-Tokens und Roboter gefordert. Der Satz, der aus dem Text hängen bleibt, steht im Abschnitt über Arbeit und Kapital. „The tax system nudges you toward replacing people with machines.“

Der Mechanismus dahinter ist banal und deshalb wirksam. Wer einen Menschen einstellt, zahlt auf jeden Euro Lohn Sozialbeiträge obendrauf. Wer stattdessen einen Roboter kauft, zahlt keine, und die Anschaffung mindert über die Abschreibung den steuerpflichtigen Gewinn. Jede der beiden Regeln ist für sich sinnvoll. Zusammen ergeben sie eine klare Tendenz zugunsten der Maschine.

Die Robotikbranche hält dagegen, mit derselben Formel wie beim ersten Anlauf 2017. Der damalige IFR-Präsident Joe Gemma sagte, besteuert werden sollten Gewinne und nicht die Mittel, mit denen man sie erzielt. Die Steuer wolle ein Problem lösen, das nicht existiere.

Ernster zu nehmen ist der Einwand von Larry Summers, Ökonom und US-Finanzminister unter Bill Clinton, der Gates' Vorschlag in der Washington Post „profoundly misguided“ nannte. Er hat zwei Teile. Der erste ist die Abgrenzung. Auch Textverarbeitung, Selbstbedienungskassen und Impfstoffe machen Arbeit überflüssig, ohne dass irgendwo ein Roboter steht. Niemand kann die Grenze sauber ziehen, und eine Finanzbehörde könnte sie erst recht nicht verwalten.

Der zweite Teil ist der, der mir am meisten zu denken gibt. Warum den Kuchen kleiner machen, wenn man auch den größeren Kuchen besser verteilen kann? Summers nennt Gates' Steuer deshalb Protektionismus gegen den Fortschritt. Wer die Automatisierung verteuert, bremst genau die Produktivität, aus der eine alternde Gesellschaft ihre Rente überhaupt bezahlen könnte. Nichtstun folgt daraus allerdings nicht. Summers fordert im selben Text eine grundlegende Reform von Bildung und Weiterbildung, gezielte Lohnsubventionen für Gruppen, die schwer wieder Fuß fassen, und öffentliche Beschäftigungsprogramme. Er streitet über das Instrument, die Diagnose teilt er.

Bei der Robotersteuer wüsste man wenigstens, was besteuert wird. Eine Steuer auf AI-Tokens, wie von Gates vorgeschlagen, klingt noch absurder. Es ist keine Ware und keine Arbeitsstunde, sondern eine Recheneinheit, die der Anbieter selbst definiert. Wer ein offenes Modell auf eigener Hardware betreibt, erzeugt dieselbe Leistung ohne Zähler. Besteuert würde am Ende nicht die Automatisierung, sondern die Entscheidung, sie einzukaufen und zahlen würden es die Kunden.

Was ein Roboter nicht kann

Selbst wenn die Fiskalfrage gelöst wäre, bliebe eine zweite. In einer alternden Gesellschaft steigt der Pflegebedarf, und Pflege lässt sich nicht extrem beschleunigen. Waschen, anziehen, zuhören, das dauert heute so lange wie vor dreißig Jahren. Während die Fabrik nebenan durch Maschinen produktiver wird und höhere Löhne zahlen kann, bleibt die Pflegestunde eine Pflegestunde. Der Ökonom William Baumol hat das schon in den Sechzigern beschrieben und Kostenkrankheit genannt. Weil die Preise für Pflege zusätzlich staatlich gedeckelt sind, können die Löhne dem Rest der Wirtschaft nicht folgen. Der Beruf verliert an Attraktivität. Aus einem Kostenproblem wird so ein Mangel an Menschen, die den Beruf machen wollen.

Reiche, alternde Gesellschaften decken den Bedarf deshalb zunehmend über Zuwanderung. Nach Angaben der WHO arbeitet jede siebte Pflegekraft weltweit außerhalb ihres Geburtslands. Japan und Südkorea, die beiden am stärksten automatisierten Gesellschaften der Welt, gehören zu den Ländern, die aktiv Pflegekräfte aus dem Ausland anwerben. Eine Studie zu japanischen Pflegeheimen fand 2025, dass Heime mit Robotern drei bis acht Prozent mehr Personal beschäftigten als Heime ohne, und dass dort seltener jemand kündigte. Die Roboter haben die Arbeit leichter gemacht. Die Zahl der Menschen, die es dafür braucht, haben sie nicht gesenkt.

Die Pflege ist dabei nur eine Seite. Ein Roboter steigert die Produktivität einer Fabrik, aber er füllt kein Dorf und keine Grundschule. Japan zählt nach der Wohnungserhebung von 2023 rund neun Millionen leerstehende Wohnungen, doppelt so viele wie 1993.

Klassenzimmer einer japanischen Grundschule
Erste Klasse, voll besetzt. Elternabend fällt aus.

Knappheit hätte ein Druckmittel sein können

Wird ein Produktionsfaktor knapp, steigt sein Preis. Das gilt auch für Arbeit. Japan zeigt es gerade in Echtzeit. Der IWF hält 2025 fest, dass der angespannte Arbeitsmarkt dort das stärkste Lohnwachstum seit den Neunzigern liefert, nach drei Jahrzehnten Stillstand.

Demografischer Schwund müsste den verbleibenden Arbeitenden also Verhandlungsmacht zuspielen. Automatisierung ist der Gegenzug, sie macht den knappen Faktor ersetzbar. Die Branche sagt das selbst, nur in anderen Worten. Im IFR-Positionspapier vom August heißt es, demografischer Wandel werde zu einem Haupttreiber der Automatisierung, weil alternde Bevölkerungen und schrumpfende Belegschaften in Schlüsselbranchen Arbeitskräftemangel erzeugen.

Dahinter steckt eine ältere Sehnsucht. Es ist die Fantasie von Arbeit ohne den unbequemen Faktor Mensch. Ein Roboter verhandelt nicht, streikt nicht, geht nicht in Elternzeit und gründet keinen Betriebsrat. Er meldet sich nicht krank, verlangt keine Schichtzulage und kündigt nicht, wenn der Wettbewerber mehr zahlt. Wer Pitchdecks aus der Branche sieht, findet genau das als Verkaufsargument, in freundlicheren Worten. Rund um die Uhr, ohne Pause, ohne Fluktuation. Für den Kapitalgeber ist das ein Versprechen. Für Arbeitnehmer ist es der Verlust des einzigen Druckmittels, das die Verteilung bisher automatisch geregelt hat. Das alles in dem Moment, in dem die Demografie es zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder scharf gestellt hätte.

Tarifrunde ohne Gegenüber
Tarifrunde ohne Gegenüber.

Warum Deutschland die Hände gebunden sind

Deutschland steckt hier in einem Patt. Der Staat müsste Gewinne und Kapital stärker besteuern, weil dort die Wertschöpfung der Roboter landet. Tut er das, wandern Unternehmen und gut Ausgebildete ab. Die Basis fällt weg, bevor sie besteuert wird. Tut er es nicht, schrumpft die Lohnbasis weiter, die Rente und die Leistungen der Krankenkassen sinken von allein bei gleichzeitig steigenden Kosten. Beide Wege verlieren.

Laut DIHK beschäftigen sich rund 40 Prozent der Industrieunternehmen mit der Verlagerung von Investitionen oder Produktion ins Ausland. Das wichtigste Ziel ist dabei nicht Asien, sondern die Eurozone. Genau darin liegt der Grund, warum die Antwort nicht aus einer nationalen Steuerreform kommen kann. Ein EU-Staat, der seine Abgabenbasis allein verbreitert, verliert die Basis, die er besteuern will, an die Nachbarn im selben Binnenmarkt.

Meine Einschätzung ist unbequem. Die Erosion läuft bereits. Die Beiträge steigen, die Leistungen sinken und Abgaben auf Arbeit gehören in Deutschland laut OECD zu den höchsten der Welt. Mit noch höheren Steuern auf Arbeit ist diese Lücke nicht zu schließen. Dafür ist die Last auf denen, die arbeiten, längst zu hoch.

Wir stehen damit an einer Weggabelung, und dahinter liegen mehrere Wege. Auf dem, auf dem wir uns gerade befinden, sinkt das Leistungsniveau bei steigenden Abgaben. Auf einem anderen steigt die Produktivität und der Zuwachs kommt breit an, weil die Bemessungsgrundlage mitgewandert ist. Dann gibt es den Weg in eine Gesellschaft, in der der Ertrag vollständig bei denen liegt, denen die Maschinen gehören. Die gab es schon einmal. Es war die Fabrikgesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts.

Verteilung lief bisher vor allem über Arbeitsabgaben, über die Lohnsumme, an der Steuern und Beiträge hängen, und über knappe Arbeit, die ihren Preis durchsetzen konnte. Beide Faktoren verlieren gerade ihre Kraft und treffen die Kernmechanismen der globalen Industriegesellschaften. Was an ihre Stelle tritt, muss zum ersten Mal jemand aktiv beschließen. Entschieden wird das in Seoul, Tokio, Peking, Paris, Washington und Berlin. Auch dort, wo gerade niemand entscheidet. Nichts zu ändern ist ebenfalls eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen.

Umfallen verboten: Wieso brauchen humanoide Roboter zwei Beine?